Mittwoch, 10. August 2011

Zeitreise

Eine kleine Zeitreise habe ich angetreten. Ganz unwissentlich. Sie begann mit einem kühlen Morgen und einem Sonntagsausflug auf den Flohmarkt. Da suche und finde ich üblicherweise alte Spitzentaschentücher, hölzerne Stickrahmen und antiquarische Bücher mit Goldschnitt. Diesmal hat es mich aber mit aller Kraft in die 50er Jahre hineingezogen. Zuerst entdeckte ich einen Stapel alter Burdazeitschriften. Gut erhalten, unangetastete Schnittmusterbögen, herzallerliebste Kleider. Eine Burda habe ich mitgenommen, aber nun hoffe ich schon, dass der Verkäufer beim nächsten Mal wieder da ist, denn ich will mehr. Nach diesem Fund war ich schon glücklich und zufrieden.
Dann kam ich an einem Tisch vorbei, der dahinter stehende Mann pries Alles für 1€ an. Glucksend fragte ich nach der alten Nähmaschine unter dem Tisch. Er verbesserte seinen Ausruf zu Alles auf dem Tisch für 1€. Und doch musste ich die alte Nähmaschine nochmal ansehen. Patinagrüne Farbe, schweres Metallgehäuse, ein reizendes Wappen an der Seite. Daneben stand ein Köfferchen. Feines Hahnentrittmuster, gleiche Patinafarbe, ein kaputtes Schloss und dafür Spulen, das Anleitungsheftchen und Stickrahmen darin.



Verkaufstüchtig bemerkte der nette Mann mein Interesse. 15€. Meine Mutter fragte, ob die Maschine denn noch funktioniere. Er versicherte dies. 14€. Jetzt drehten und wendeten wir sie. 13€. Meine Mutter fachsimpelte ein wenig. 12€. Sie entschied für mich, die ich immer etwas länger brauche, um mich festzulegen. Und so packte ich meine Maschine in mein Köfferchen und trug sie davon. Danach war der Flohmarktbesuch kein Vergnügen mehr, denn ich wollte nichts wie heim.


Sogleich habe ich die Maschine geputzt, poliert und dann recherchiert. Es ist eine Angela 30F. Baujahr 1957. Gekauft im früheren Nähmaschinenladen Thöt in Frankfurt. Dann ging es ans Ausprobieren. Mit dem Stecker in der Steckdose und dem Fuß auf dem Pedal erklang ein tiefes Brummen, die Maschine ratterte und bewegte sich. Das Einfädeln war dank Anleitungsheft kein Problem, bloß schien der Greifer der Spule den Unterfaden nicht aufnehmen zu können. Meine Mutter entstaubte alle Rädchen, ölte die Maschinerie und schraubte die Nähplatte ab. Ich stand daneben. Nervös lächelnd, keinerlei technisches Verständnis.

Die letzte Idee, die laut meiner Mutter immer die erste sein sollte, war die Nadel auszuwechseln. Das taten wir, doch das alte Problem blieb. Allerdings nur, bis meine Mutter bemerkte, die Nadel gehöre vielleicht seitlich eingesetzt. Was auch die Garnführung erklärte. Und, oh wunder, die Maschine näht. Einwandfrei. Gleichmäßig. Sorgfältig.


Nach dieser Glanzleistung meiner Frau Mama hat auch mein Vater noch seinen Teil beigetragen und dass kaputte Schloss repariert, was weniger einfach war, als gedacht. Meine Rolle bei dem Ganzen? Die erste Näherei. So ist ein kleines Täschchen für das Zubehör entstanden. Für den Schraubenzieher, die Spulen, die weiteren Nähfüße. Und ich muss sagen, sie näht schnell, ein bisschen ruckartig und eine Naht vernähen ist eher umständlich, aber trotzdem hat sie schon einen Platz in meinem Herzen und nun fehlt ihr bloß noch ein dekorativer Platz auf dem Tisch. Aber dazu fehlt mir leider der Platz.

Das Burdaheft ist im Übrigen aus dem Juli 1959. Es zeigt die herrlichsten Sommerkleider, beschäftigt sich ansonsten recht eingehend mit Waschmittelwerbung und den bestimmten Tagen. Besonders hat es mir auch die Burda Briefbrücke angetan. "Wir veröffentlichen gern Ihre Briefwechselwünsche, jedoch müssen wir für diese Rubrik aus verständlichen Gründen alle Zuschriften geschäftlichen Inhalts ablehnen, ebenso können wir keine Ehepartner vermitteln."


Auch die Namen der Kleider finde ich herrlich. Tageskleid, nachmittägliches Kleid, Sonnenkleid. Meist sind ihnen noch Beiworte zugefügt, wie reizend, jugendlich, apart und hübsch. Besonders toll finde ich auch die Waschkleider.


Die Kleidergrößen sind eher ungewöhnlich. Bin ich nun eher eine 40 oder doch eine 42? Auf jeden Fall möchte ich einige Schnitte ausprobieren. Am liebsten diese.


Zumindest wenn ich demnächst über 4m Stoff stolpern sollte.

3 Mal kommentiert:

  1. Großartig! Glückwunsch zu dem Fund und viel Spaß damit! Bin gespannt auf die Ergebnisse! Liebe Grüße!

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  2. Mensch, da warst Du aber auf einem tollen Flohmarkt, wo man solche Schätzchen ergattern kann. Ich habe hier in der Region den Eindruck, das alles Interessante schon so abgegrast ist und wenn man dann doch etwas brauchbares findet, bekommt man es nicht zum Schnäppchenpreis.
    Viel Spass mit Deiner Ausbeute!
    Julia

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  3. Da hast Du aber wirklich einen Glücksgriff gemacht. Ich bin schon gespannt, wenn das erste Kleid aus dem Burda Schnittmuster entstanden ist.Bald ist ja wieder Stoffmarkt.
    Liebe Grüße
    Gabiflori

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